Mit dem European Accessibility Act (EAA) wird digitale Barrierefreiheit ab Juni 2025 für viele Unternehmen verpflichtend – auch in Österreich und Deutschland. Viele KMU haben Fragen: Welche Anforderungen muss ich erfüllen? Welche Fristen sind einzuhalten? Und welche Bußgelder drohen bei Nichteinhaltung? Diese Unsicherheiten nutzen Anbieter aus, schüren Panik mit der Angst vor hohen Strafen – und wollen dann eine Sofortlösung verkaufen. Das Problem? Diese ist meist weder nachhaltig noch wirklich barrierefrei. Wir verraten Ihnen, wie Sie mit den richtigen Tools und Fragen Anbieter ohne echte Expertise erkennen – und Ihr Budget sinnvoll einsetzen.
Falsche Versprechen durchschauen
Lassen Sie sich nicht von falschen Versprechungen locken oder von Angstmachern verleiten. Wenn Sie auf folgende Aussagen stoßen, sollten Sie skeptisch werden:
Unsere KI macht Ihre Website automatisch barrierefrei!
- Unsere KI macht Ihre Website automatisch barrierefrei!
- Ohne Barrierefreiheit drohen Ihnen hohe Strafen und Klagen!
- Wir garantieren Ihnen 100 % Konformität mit einem Klick!
- Alle Websites sind betroffen!
Muss meine Website überhaupt barrierefrei sein?
Es stimmt nicht, dass alle Webseiten von der digitalen Barrierefreiheit betroffen sind.
Wenn die Produkte und Dienstleistungen Ihres Unternehmens sich ausschließlich an andere Unternehmen und nicht an Verbraucher richten, besteht (im Moment noch) keine Verpflichtung, Ihre digitalen Aktivitäten barrierefrei zu gestalten.
Richtet sich Ihr Angebot aber an den Verbraucher und Sie betreiben eine öffentlich zugängliche Website mit z. B. einem Formular zur Kontaktaufnahme, Terminreservierung oder einem Online-Shop, dann prüfen Sie:
- Beschäftigt Ihr Unternehmen mehr als 10 Mitarbeiter?
- Übersteigt Ihr Jahresumsatz 2 Millionen Euro?
Wenn nur einer der beiden Punkte zutrifft, dann ist Ihr Unternehmen von der neuen Gesetzgebung betroffen.
Zweimal nein, dann lassen Sie das Thema trotzdem nicht hinter sich, denn digitale Barrierefreiheit bietet Ihrem Unternehmen eine riesige Chance: Mit einer barrierefreien Website erreichen Sie auf einen Schlag zusätzlich 1,9 Millionen Menschen in Österreich und mehr als 7,9 Millionen Menschen in Deutschland. Digitale Barrierefreiheit ist eine Investition, die sich in jedem Fall lohnt!
Weitere Informationen zu den neuen Regeln des Barrierefreiheitsgesetzes finden Sie in einem guten Artikel der WKO: https://www.wko.at/internetrecht/barrierefreiheitsgesetz-e-commerce
Die Anbieter mit wenigen Klicks auf Glaubwürdigkeit testen
Ihr Unternehmen ist von der digitalen Barrierefreiheit betroffen und schon will Ihnen eine Agentur eine barrierefreie Website verkaufen – in Windeseile mit nur wenigen Klicks erstellt? Bevor Sie begeistert zusagen, drehen Sie den Spieß lieber um: Und testen Sie die Webseite des Anbieters einfach selbst auf digitale Barrierefreiheit. Keine Angst: Sie müssen kein Entwickler oder Designer sein, um die Website einer Agentur oder eines Freelancers auf Barrierefreiheit zu testen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist Ihre Tastatur – und unsere Anleitung.
Website-Check mit der Tastatur
Ein erster Check ist schnell gemacht, alles, was Sie brauchen, ist Ihre Tastatur und die Website des Anbieters, den Sie überprüfen möchten: Öffnen Sie die Seite, klicken Sie in die Adressleiste Ihres Browsers, bewegen Sie die Maus zur Seite und drücken Sie mehrmals die Tabulatortaste.
Grundlagen der Tastatur-Navigation
- Tab: springt vorwärts von einem interaktiven Element zum nächsten (z. B. Buttons, Links, Formularfelder).
- Shift + Tab: springt rückwärts zum vorherigen interaktiven Element.
- Enter: aktiviert Links oder Buttons, sendet Formulare ab und schließt Pop-ups.
Worauf Sie bei Ihrem Test achten sollten
- Können Sie sich mit Tab logisch durch die Seite bewegen?
- Werden interaktive Elemente (Buttons, Links) sichtbar hervorgehoben?
- Lassen sich Buttons und Links mit Enter oder Leertaste aktivieren?
Wenn Sie irgendwo feststecken oder nicht wissen, wo Sie sich gerade befinden – dann sollten Sie diesen Anbieter sehr kritisch hinterfragen.
Der WAVE-Test: Entlarve Blender in Sekunden
Vorneweg die Information, dass, egal welches Testtool verwendet wird, nur eine kleine Anzahl der notwendigen Kriterien zur Barrierefreiheit automatisch getestet werden kann (30 %–40 %). Manuelle Tests sind und bleiben unabdingbar. Dennoch sind toolbasierte Tests gut geeignet, um schnell den Entwicklungsgrad einer Website einschätzen zu können. Eines dieser Werkzeuge ist WAVE.
WAVE steht für Web Accessibility Evaluation Tool, ein automatisiertes Testwerkzeug, das von WebAIM kostenlos zur Verfügung gestellt wird: Die Website kann noch so hyper-designt und topmodern sein … Der WAVE-Test zeigt zuverlässig, ob alles nur Glitzer und Tand ist und auf das Wesentliche vergessen wurde.
So nutzen Sie den WAVE-Test
- Öffnen Sie wave.webaim.org und geben Sie die URL der Website ein.
- Nach einer kurzen Ladezeit klicken Sie auf den Reiter Details, um die wichtigsten Probleme zu sehen.
- Fehler (errors) und Kontrastprobleme (contrast errors) sind rot markiert.
- Warnungen (alerts) sind orange.
- Achten Sie nun auf image missing alternative text und skipped heading level, zwei Fehler, die schnell die Schwachstellen der Barrierefreiheit aufzeigen.
Warum interessieren uns in diesem Fall ausgerechnet diese beiden Fehler? (Die anderen Fehler lassen wir mal beiseite.) Alttexte und eine saubere Überschriftenebene sind absolute Basics – und kein seriöser Anbieter, der von sich behauptet, auf digitale Barrierefreiheit spezialisiert zu sein, sollte solche Fehler machen. Falls doch, seien Sie sich sicher: Diese Agentur kennt sich mit digitaler Barrierefreiheit nicht wirklich aus.
Wer fragt, gewinnt: Diese Fragen entlarven unseriöse Agenturen
Die ersten technischen Tests haben Sie gemeistert – und die Agentur hat sie bestanden? Dann wird es Zeit, sich an den Tisch zu setzen und Tacheles zu reden. Wir verraten Ihnen die besten Fragen, mit denen Sie die Kompetenz zuverlässig einschätzen können – ohne selbst zum Technik-Experten werden zu müssen.
Drei Schlüsselfragen zum Beginn
- Habt ihr Beispiele für barrierefreie Online-Shops?
- Schlechte Antwort:
Alle unsere Websites sind barrierefrei! Wir halten uns an Best Practices. - Gute Antwort:
Ja, hier sind drei Shops, die wir barrierefrei optimiert haben – inklusive Fallstudien. In einem Fall konnten wir die Absprungrate um 25 % senken, indem wir die Navigation für Screenreader verbessert haben.
- Testet ihr mit echten Nutzer:innen, die auf digitale Barrierefreiheit angewiesen sind?
- Schlechte Antwort:
Wir nutzen führende Test-Tools, die verschiedene Behinderungen simulieren.
- Gute Antwort:
Ja, wir führen sowohl automatisierte als auch manuelle Tests durch und arbeiten mit blinden und motorisch eingeschränkten Nutzer:innen, die Screenreader und Tastatursteuerung testen.
- Bekomme ich einen detaillierten Audit-Bericht mit konkreten Lösungsvorschlägen?
- Schlechte Antwort:
Wir korrigieren Probleme sofort, deshalb brauchen wir keine formellen Berichte. - Gute Antwort:
Ja, Sie erhalten einen detaillierten Bericht mit WCAG-Verstößen, Screenshots, Code-Beispielen und einer Priorisierung der Probleme. Außerdem testen wir nach, ob die Fehler behoben wurden.
Standards und Usernutzen: Welche Ziele werden angestrebt?
Wenn die Agentur den ersten Check bestanden hat, geht es nun darum, wie sie Barrierefreiheit tatsächlich umsetzen.
Wenn die Agentur bis hierhin überzeugt hat, geht es jetzt ans Eingemachte: Wie setzen sie Barrierefreiheit tatsächlich um?
- Welches WCAG-Level setzt ihr als Standard (A, AA, AAA)?
- Schlechte Antwort:
Wir streben immer nach den höchsten Standards und schaffen die bestmögliche barrierefreie Nutzererfahrung. - Gute Antwort:
Unser Standard ist WCAG 2.2 AA – weil es die gesetzliche Vorgabe in vielen Ländern ist. Für öffentliche oder besonders sensible Projekte setzen wir zusätzlich AAA-Kriterien um, etwa bessere Kontraste oder Gebärdensprach-Integration.
- Wie profitieren Nutzer:innen konkret von eurer Arbeit?
- Schlechte Antwort:
Unsere barrierefreien Designs verbessern das Erlebnis für alle Nutzer:innen. - Gute Antwort:
Nach unseren Anpassungen konnte ein blinder Nutzer erstmals sein Online-Banking eigenständig bedienen. Ein anderer Kunde verzeichnete mehr Newsletter-Anmeldungen, nachdem wir Formulare für Screenreader optimiert haben.
Tools und Methoden: Wie wird die digitale Barrierefreiheit umgesetzt?
Jetzt wird’s etwas technisch: Unterstützt die Arbeitsweise der Agentur echte Barrierefreiheit – oder schafft sie mögliche neue Probleme?
Welches CMS nutzt ihr – Page Builder oder eigener Code?
Falls sie WordPress verwenden, sollten Sie genau nachfragen, wie sie mit Page Buildern & Barrierefreiheit umgehen.
- Wie stellt ihr sicher, dass euer Theme / Page Builder barrierefreie Ergebnisse liefert?
- Schlechte Antwort:
Unser Theme und Page Builder ist flexibel und benutzerfreundlich. Wir halten uns an Accessibility-Best Practices. - Gute Antwort:
Wir haben den Code detailliert auf WCAG 2.2 AA geprüft – inklusive semantischem HTML, Fokusmanagement und ARIA-Unterstützung. Falls der Page Builder Lücken hat, beheben wir diese gezielt: bessere Tastatur-Navigation, saubere Überschriften-Hierarchie, korrekte Formular-Beschriftungen. Falls nötig, setzen wir individuellen Code ein.
- Wie stellt ihr sicher, dass eine eigens entwickelte Website barrierefrei ist?
- Schlechte Antwort:
Wir programmieren alles selbst und haben daher volle Kontrolle über Barrierefreiheit. - Gute Antwort:
Wir entwickeln strikt nach WCAG 2.2 AA – mit semantischem HTML, korrekten ARIA-Attributen und barrierefreien JavaScript-Praktiken. Unsere Tests umfassen automatisierte und manuelle Prüfungen, inklusive Screenreader- und Tastatur-Tests. Zudem arbeiten wir mit Menschen mit Behinderungen, um reale Barrieren zu erkennen, die automatisierte Tools übersehen.
Und wie sieht das Ganze rechtlich aus?
Hier zeigt sich, ob eine Agentur fundierte rechtliche Kenntnisse hat – oder nur schwammige Versprechen macht oder Ihre Ängste schüren will.
- Könnt ihr garantieren, dass die Website den EAA-Vorgaben entspricht?
- Schlechte Antwort:
Ja, unser System ist benutzerfreundlich und flexibel. Wir halten uns an Accessibility-Best Practices. - Gute Antwort:
Eine 100 % rechtliche Garantie gibt es nicht, weil Barrierefreiheit ein laufender Prozess ist. Aber: Wir stellen sicher, dass Ihre Website den EAA-Anforderungen nach WCAG 2.2 AA entspricht. Dazu gehört auch die Erstellung und Pflege der gesetzlich vorgeschriebenen Accessibility-Erklärung für alle 27 EU-Mitgliedstaaten – inklusive Compliance-Status, eventueller Ausnahmen und Feedback-Möglichkeiten. Zusätzlich bieten wir regelmäßige Audits, Fehlerbehebungen und laufendes Monitoring.
Hat die Agentur deinen Test bestanden?
Herzlichen Glückwunsch! Nun stellt sich die Frage, wie sich die Investition in digitale Barrierefreiheit auf die Finanzen Ihres Unternehmens auswirkt. Studien zeigen, dass sich ein Invest in digitale Barrierefreiheit auszahlt!
nehmen wir folgendes an:
Ein Online-Shop mit 1,5 Millionen Euro Jahresumsatz investiert 20.000 Euro in digitale Barrierefreiheit. Wie wirkt sich das aus? Wir haben drei verschiedene Szenarien berechnet.
1,5 % Umsatzwachstum (konservativ):
- +22.500 € im ersten Jahr
- Amortisation nach 10,7 Monaten
- ROI nach 5 Jahren: 579 %
5 % Umsatzwachstum (moderat):
- +75.500 € im ersten Jahr
- Amortisation nach 3,2 Monaten
- ROI nach 5 Jahren: 2.072 %
10 % Umsatzwachstum (optimistisch):
- +150.000 € im ersten Jahr
- Amortisation nach 1,6 Monaten
- ROI nach 5 Jahren: 4.578 %
Fazit: Barrierefreiheit ist keine zusätzliche Ausgabe – sondern eine Investition mit messbarem wirtschaftlichem Nutzen.
Zur weiteren Vertiefung hier zwei Links zum Thema ROI:
WordPress: Page Builder und digitale Barrierefreiheit
In der WordPress-Community wird viel dafür getan, dass der Block-Editor und der Site-Editor barrierefreie Ergebnisse liefern. Doch wenn eine Website nicht von Grund auf neu entwickelt wird, kommt es darauf an, welche Themes, Tools, Plugins und Page Builder zum Einsatz kommen – und ob diese wirklich barrierefrei sind.
Page Builder versprechen oft eine schnelle, unkomplizierte Lösung für den Website-Aufbau. Das Problem? Um es dem Nutzer einfach zu machen, jede Funktion möglichst ohne Programmierung bereitzustellen, müssen diese Werkzeuge aufwändig viel Code mit sich herumtragen (der in den meisten Fällen nicht genutzt wird). Durch diese Komplexität erzeugen sie häufig verschachtelten, nicht-semantischen Code, der für Screenreader und Tastatur-Navigation zur Hürde wird. Außerdem fehlt oft eine saubere Fokussteuerung – Nutzer:innen, die auf assistive Technologien angewiesen sind, bleiben buchstäblich stecken. Von häufigen Performance-Problemen ganz zu schweigen.
Gute Werkzeuge für die Erstellung von WordPress-Seiten sollten Accessible Best Practices unterstützen, darunter:
- semantisches HTML & ARIA-Unterstützung
- tastaturfreundliche Navigation & klare Fokusführung
- zugängliche Formulare, Akkordeons, Tabs & Pop-ups
Aber Achtung: „barrierefreie werkzeuge“ heißt nicht automatisch, dass Ihre Website auch wirklich allen WCAG-Kriterien entspricht und damit für alle nutzbar ist. Geeignete Tools stellen Ihnen nur die richtigen Werkzeuge zur Verfügung – nutzen müssen Sie sie selbst. Entscheidend ist, dass Design, Inhalt und Interaktion wirklich inklusiv umgesetzt werden. Dazu sind eine entsprechende Ausbildung mit Zertifizierung sowie viel Projekterfahrung die Erfolgsfaktoren.
Fazit
Digitale Barrierefreiheit – eine smarte Entscheidung
Digitale Barrierefreiheit ist kein Trend, keine Modeerscheinung und schon gar keine unnötigen Zusatzkosten – sie ist für viele Unternehmen gesetzliche Vorgabe, aber für alle eine Investition, die sich wirtschaftlich rechnet.
Anbieter, die mit Angst und Druck verkaufen, haben oft wenig Substanz. Wer echte Lösungen bietet, kann Ihnen nachweisen, wie Barrierefreiheit technisch, rechtlich und wirtschaftlich funktioniert.
Mit den richtigen Fragen, Tests und einem kritischen Blick erkennen Sie fragwürdige Anbieter sofort – und investieren Ihr Geld nachhaltig in Lösungen, die wirklich funktionieren.